„Wir mit Behinderung probieren als Erste neue Technologien aus“

Prof. Jonathan Kaufman hält seine Keynote auf dem Zukunftskongress 2025 der Aktion Mensch e.V.. Er beschreibt die Möglichkeiten und Auswirkungen für Menschen mit Behinderung durch die technologische Entwicklung. „Wussten Sie, dass die SMS von tauben Studenten der Gallaudet-Universität für Gehörlose erfunden wurde?“ und fährt fort „die Gestaltung neuer Technologien wird von uns prägend mitbestimmt„.

Podiumsdiskussion beim Zukunftskongress 2025 der Aktion Mensch e.V.

Podiumsdiskussion beim Zukunftskongress 2025 der Aktion Mensch e.V.

Ich bin begeistert. Nach Berlin bin ich mit der Erwartung gereist, zu erfahren, wie Inklusion und digitale Entwicklung zusammen passen und welche Möglichkeiten für Menschen mit Behinderung sich dadurch ergeben.

Inklusion ist ein Thema, mit dem ich bisher als Lehrerin an Gymnasium und beruflicher Schule sehr häufig zu tun hatte. Schülerinnen und Schüler innerhalb einer Klasse sind sehr unterschiedlich hinsichtlich Begabung, Leistung und Herkunft. Die Werkzeuge digitaler Bildung sind nach meiner Erfahrung gut geeignet, Heterogenität zu berücksichtigen, Aufgaben variabel zu gestalten und individuell auf Einzelne einzugehen.

Auf dem Zukunftskongress 2025 begreife ich umfassender als vorher : Barrierefreiheit ist das entscheidende Kriterium für Menschen mit Behinderung, damit ihnen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich ist. Sie möchten mit Menschen in Kontakt treten, Beziehungen aufbauen und pflegen können wie alle anderen auch. Dies ist aber abhängig davon, wie sie Zugang haben zu Informationen und Orten. Daher wurde vom Organisationsteam der Konferenz Barrierefreiheit in fast jeder Hinsicht berücksichtigt. So gab es für alle Veranstaltungen

  • Programm in „Leichter Sprache
  • Gebärdensprachdolmetscher
  • Simultandolmetscher
  • Induktionsschleifen
  • Schriftdolmetscher
  • breite Durchfahrtswege in der Halle
  • genügend Sitzgelegenheiten um miteinander ins Gespräch zu kommen
  • Audio- und Videoaufnahmen

In den Panels wurde auf die Themen der Keynotes und Planungsvorträge vertiefend eingegangen, mich interessierte besonders Panel 5:  „Technologieentwicklung und digitale Kommunikation“. Darin ging es um diese Schwerpunkte:

Graphic Recording zum Panel 5 "Technologieentwicklung & digitale Kommunikation"

Graphic Recording zum Panel 5 „Technologieentwicklung & digitale Kommunikation“

  • Teilhabe am Internet ist Menschenrecht“ – Prof. Klaus Miesenberger forderte auf, Webseiten barrierefrei zu gestalten, so dass sie Zugriff bieten durch Sehen und Hören, Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) beachtet werden.
  • Vorteile eines persönliches Navigationssystem für Menschen mit Sehbeeinträchtigung: www.projectargus.eu stellte Matthias Lindemann, Siemens AG, vor
  • Tobias Marczinzik berichtete vom Projekt PIKSL.net. Dies hat sich zum Ziel gesetzt, moderne Informations- und Kommunikationstechnologie für Menschen mit geistiger Behinderung zugänglich zu machen. So wurde ein CMS zusammen mit Anwendern aus den Bethel Werkstätten entwickelt.

Visualisiert wurden die Inhalte festgehalten per „Graphic Recording“ von Imke Schmidt aka @mickimiks, zentrale Aussagen waren: „Neue Technologien sind ein Werkzeug, um Inklusion Praxis werden zu lassen“ und „Technik braucht Standards für Barrierefreiheit„.

Cinderella Glücklich

Cinderella Glücklich

Der Abend des 02. Dezember war für mich geprägt von vielen Gesprächen mit ganz unterschiedlichen Menschen. „Ich bin Aktivistin von Beruf“ sagt Cinderella Glücklich, berichtet von verschiedenen Aktionen und setzt fort: „Inklusion bedeutet Vielfalt„. Sie ist Bloggerin, Teilzeit-Rollstuhlfahrerin, und studiert Journalismus & Unternehmenskommunikation an der BiTS in Iserlohn.

Im Panel „Gesellschaftliche Entwicklung und soziale Verantwortung“ geht es am nächsten Tag um die Fragen: Was ist ein gutes Leben? Was sind Zufriedenheitskriterien für alle? Prof. Anton Bucher, Glücksforscher, hat herausgefunden: Glück ist nicht abhängig von Geschlecht, Bildung, Einkommen, Lebensformen oder Alter sondern von Beziehungen und einem Leben in Freiheit.

Am beglückendsten ist jedoch Aktivität. Im Flow vergisst der Mensch sich selbst und verschmilzt mit seiner Tätigkeit“ – das Fazit von Prof. Bucher.

Cinderella – mit Twitternamen @HappyZwitschert – ermutigt uns: „Fahrt nach Hause und fangt an etwas zu verändern, auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist. Wichtig für eine dauerhafte Veränderung ist das Durchhalten“.

Mittwochabend fahre ich mit dem Zug von Berlin zurück nach Frankfurt/Main. Im Gepäck habe ich nun die Erkenntnis, wie wichtig Barrierefreiheit – in mehrfacher Hinsicht – ist für Menschen mit Behinderungen. Der ungehinderte Internet-Zugang ermöglicht viele Aktivitäten, reduziert Begrenzungen und schafft  auch „Barrierefreiheit im Kopf“. Ich beschließe, im Unterricht diesen Punkt viel mehr noch als vorher zu berücksichtigen und beim Thema Inklusion verstärkt mitzuarbeiten. Zum Abschluss noch ein herzliches Dankeschön an Sascha Stoltenow aka @BendlerBlogger, der mich auf die Idee brachte, zum Zukunftskongress 2025 der Aktion Mensch e.V. zu fahren.


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